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STREETWORK in Ulm - Danke für den Einsatz!

19. Mai 2018

Lesen SIE bitte die SWP über Menschen, die sich für andere einsetzen...

Gesellschaft Ulm ist eine Insel der Glückseligen? Achim Spannagel hat mehr als 20 Jahre als Streetworker und in der Drogenhilfe gearbeitet und erzählt von den Menschen, die viele nicht um sich haben wollen. Von Ulrike Schleicher

„Wir sind immer nur die Feuerwehr“


Er hat in Ulm Menschen kennen gelernt, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind: Alkohol- und Drogenabhängige, rechtsradikale Jugendliche, zerrüttete Familien. Eigentlich sollte der heute 43-Jährige Präventionsarbeit leisten, aber oft kam er zu spät, sagt Achim Spannagel. Oder er hätte viel mehr Zeit gebraucht. Vor wenigen Wochen hat er einen Schnitt vollzogen und arbeitet jetzt hauptamtlich in der Jugendfarm am Kuhberg.


Wie kommen Sie mit dem Kontrast zurecht. Die Jugendfarm muss Ihnen ja vorkommen wie Bullerbü?


ACHIM SPANNAGEL (lacht): Ja, so habe ich noch nie gearbeitet. Jeden Tag Viecher, Kinder, gesunde Menschen und Natur. Im Moment gibt es nichts Besseres.


Wieso haben Sie den Job bei der Drogenhilfe aufgegeben?


Ich fand es immer schon besser, nach ein paar Jahren den Arbeitsplatz zu wechseln. Ich war da ja immerhin acht Jahre. Man wird eingefahren, verbohrt. Ich will frisch und offen bleiben. Außerdem hat auch eine Rolle gespielt, dass ich eine zweieinhalbjährige Tochter habe...


Warum?


Ich bin oft mit HIV- und Hepatitis infizierten Menschen in Kontakt gewesen, solche Krankheiten wollte ich nicht nach Hause bringen. Und mein Lebensgefühl hat sich geändert. Lange kam für mich nur in Frage, auf der Straße zu arbeiten.


Eigentlich sind Sie ja Jugendheimerzieher.


Ja, aber ich empfand die Beziehungen in Einrichtungen immer als zu bindend. Auf der Straße bist du der Aufsuchende, du begleitest und hast Klienten, mit denen andere nicht arbeiten wollen. Du bist ihr Partner, aber nicht verantwortlich für ihr Tun. Ich habe Zusatzausbildungen gemacht, damit ich der Aufgabe auf der Straße gewachsen bin.


Welche Fähigkeiten braucht man sonst?


Ich bin transparent, vertrauenswürdig, habe immer klare Kante gezeigt und Regeln aufgestellt. Wer mir von einer Straftat erzählt hat, musste damit rechnen, dass ich die Polizei informiere. Er konnte es aber auch verschweigen.


Sie kamen aus Stuttgart und haben Ihren ersten Job hier in Ulmer Vororten begonnen, was gab es da überhaupt zu tun?


Das war 1999. Ulm spielte da in der ersten Liga und in Gögglingen, Einsingen und Donaustetten hatten sich rechte Hooligans etabliert. Die Kids trafen sich in Bauwagen, es waren nicht alle Rechte, aber der Ideologie nicht abgeneigt...


Wie bekommt man da einen Fuß in die Tür?


Indem man Alternativen bietet. Ich habe etwa Nightball ins Leben gerufen. Wir konnten nachts in der Halle Fußball spielen. Also zu der Zeit, in der auch die NPD Jugendarbeit anbot. Und man macht sich nützlich.


Nützlich? Inwiefern?


Indem man mit zum Arbeitgeber geht, wenn es Probleme am Arbeitsplatz gibt, indem man mit zur Gerichtsverhandlung geht, weil so was einen guten Eindruck auf die Richter macht. Indem man immer wieder vermittelt zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen. Schließlich wird man ihr Ratgeber. Zu der Zeit stand auch ihr Jugendtreff auf der Kippe. Ich hab mich dafür eingesetzt.


Und so das Vertrauen gewonnen?


Ja, anfangs habe ich sie auch gelockt mit Musikveranstaltungen und ich habe eine Playstation beschafft, da kamen sie dann, haben geraucht, ein Bierchen getrunken und gezockt. Sie waren beschäftigt.


Ein Jahr später bekamen dann auch die anderen Ulmer Quartiere und Vororte Streetworker, waren sie das einzig probate Mittel?


Naja, so würde ich das nicht sagen. Ein Jugendhaus mit einer guten Ausstattung wäre in den Vororten sinnvoller gewesen. Da handelte es sich im Wesentlichen ja um gelangweilte Kinder gut betuchter Eltern. Streetwork ist natürlich billiger als ein Jugendhaus. Wir brauchen nur ein kleines Büro. Das ist immer eine politische Entscheidung. Die Stadt geht heute leider den gleichen Weg wie damals.


Was heißt das?


Wir sind immer nur die Feuerwehr, also werden geholt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Und man braucht Personal für eine gute Arbeit. Stattdessen wurden die Stellen um 2003 herum um die Hälfte gekürzt.


Sie sind dann versetzt worden?


Ja. Das war echt enttäuschend. Die Früchte meiner Arbeit konnte ich nicht genießen. Nach drei harten Jahren – ich musste mich da so durchbeißen. Ich weiß nicht, wie viel Scheiß-Fußballspiele ich mit denen in der Zeit angeschaut habe. Aber für die Stadt war die Hauptsache, dass es vordergründig ruhig war. Das ist kurzsichtig gedacht.


Drei Jahre sind nicht viel. Wahrscheinlich gab es dort immer noch Hooligans...


Ja, plötzlich mussten Beziehungen abgebrochen werden, der Austausch fehlte mit den Jugendlichen. Aber sie fühlten sich ja noch immer abgehängt und veräppelt von der Gesellschaft. Das Argument war wie immer das Geld. Die Kassen seien leer, hieß es damals. Dann kürzt man halt im Sozialbereich.


Was wäre der richtige Weg?


Man braucht einfach Kontinuität, um Erfolg zu haben. Auch Präsenz und Ehrlichkeit. Ich hab den Rechten nichts vorgemacht über meine linken Ansichten. Wir hatten harte Auseinandersetzungen und uns aneinander gerieben. Es gab Aktionen von denen, die habe ich für mich behalten. Dann bist du Geheimnisträger, aber das dauert eben alles.


Wie sehr geht so eine Arbeit ins Persönliche?


Ich habe Gespräche über Beziehungsstress geführt, ich habe Leute morgens angerufen, damit sie pünktlich zur Arbeit gehen, habe anderen, die nicht zu Hause schliefen, Kaffee unter die Brücke gebracht. Für manche habe ich auch Geld gebunkert. Da hatte einer 300 Euro im Monat und es gab die Abmachung: Jeden Tag stehen ihm 20 Euro zur Verfügung. Aber er konnte auch kommen, ein Codewort sagen und dann habe ich ihm die ganzen 300 Euro gegeben. Niemals dürfen deine Klienten abhängig von dir werden – das ist die Regel. Ich bin nicht die Bank, aber ich bin die Moral.


Dazu braucht es aber Vertrauen.


Es dauert im Schnitt zwei Jahre, bis man akzeptiert wird. Deshalb haben wir die mobile Jugendarbeit Mitte Ost später ja auch Momo genannt, wie das Mädchen in Michael Endes Buch, wo es um die Zeit geht.


Von den Ulmer Vororten zum Berblinger Brunnen – der Aufreger für die Ulmer.


Klar, da saßen damals die Punker und haben Leute angeschnorrt. Paul Nägele wollte OB von Ulm werden. Das waren schlimme Zeiten.


Wieso das denn?


Die Punker hatten ein Haus besetzt und wurden geräumt. Dann hat die Stadt ihnen ein Haus in der Wiblinger Allee angeboten. Eigentlich gut, aber die Ansprüche an die Punker seitens der Stadt und auch an uns waren absurd.


Welche Ansprüche?


Zum Beispiel hat man verlangt, dass sie sich anmelden, dass sie in Lohn und Brot gehen, dass sie ihre Stromrechnungen pünktlich zahlen. Aber das funktioniert nicht, wenn man zum einen gerade aus einem besetzten Haus kommt, in dem der Alltag strukturlos ist. Und zum anderen, wenn man suchtkrank ist.


Und was war Ihr Problem?


Wir haben uns vor den Karren der Stadt spannen lassen und alles das gemacht, was Streetworker sonst nicht machen: Berichte über die Klientel geschrieben. Sie haben sich verraten gefühlt, das war das Aus.


Kommen wir mal zu Ihrer letzten Arbeitsstelle, der Drogenhilfe. 2008 hatte der damalige OB Ivo Gönner gesagt, Ulm hat kein Drogenproblem – hat das so gestimmt und wie sieht es heute aus?


Das war Augenwischerei. Es gab und gibt natürlich Drogenabhängige in Ulm. Früher sah man sie an mehreren Plätzen: Auf den Rondellen in der Bahnhofsstraße, auf der Donauwiese, an der Listschule, im Alten Friedhof und auf dem Karlsplatz.


Und dann?


Die Stadt begann, glaube ich, 2006 mit ihrer Vertreibungspolitik. Die Polizei kontrollierte öfter und machte es ihnen unangenehm. Die Cafés in der Hirschstraße bekamen eine Außenbestuhlung und wer in dem Bereich saß, beging Hausfriedensbruch. Beim Deutschhaus gab es einen Bereich, der war perfekt: Er war überdacht und war schlecht einzusehen. Er ist auch privatisiert worden.


Anwohner vom Karlsplatz hatten Angst um ihre Kinder...


Okay, aber die Leute rotten sich immer irgendwo zusammen. Dann passiert es, dass der Altjunkie auf der Donauwiese den jungen Kiffer trifft. Das kann dann toxisch werden: Jeder probiert das Zeug vom anderen, eben auch Heroin. Das alles nur, damit der Bürger seine Ruhe hat.


Das ist doch legitim.


Vertreibung funktioniert aber nicht. Das sagt selbst die Polizei. Was die Gewerbetreibenden beispielsweise vergangenes Jahr oben am Bahnhof losgetreten haben, war völlig überzogen. Von gefährlichen Banden zu reden – die meisten von denen sind sediert von ihren Drogen.


Passanten fühlten sich belästigt.


Diese Menschen gehören nun einmal zu unserer Gesellschaft. Die kann man nicht wegbeamen. Klar, sie müssen sich an Regeln halten. Aber das ist wie bei einem Dorffest: Einer ist völlig zugedröhnt und pisst dann gegen die – in diesem Fall – Schaufensterscheibe. Nicht schön, aber es passiert.


Die Stadtspitze hat gelassen reagiert.


Ja OB Gunter Czisch hat vieles Richtiges gesagt, auch die Polizei.


Wo ist die Szene jetzt?


Immer noch im Alten Friedhof und am Bahnhof. Man hat es geschafft, dass sie nicht mehr so präsent sind, aber man muss auch wissen: Sie sind damit für die Fürsorge verloren.


Was sind die Folgen?


Mehr Überdosen, mehr Kriminalität. Ein Abhängiger braucht bis zu 4000 Euro im Monat für seine Sucht. Sind sie draußen, merke ich auch, wenn einer fehlt und kann nachfragen.


Wie viele Abhängige gibt es in etwa in Ulm?


Ich schätze, es sind rund 400 Substituierte, die täglich ihre Dosis vom Arzt bekommen.


Sind es mehr geworden?


Ein wenig vielleicht. Die Art der Drogen hat sich geändert. Heute sind sedierende Drogen nicht mehr so gefragt, eher aufputschende Amphetamine wie Crystal Meth. Viele nehmen es, um dem Leistungsdruck standzuhalten. Wir hatten Klientel von der Uni und von Ulmer Firmen.


Ist es einfach, Drogen zu kaufen?


In Ulm ist das so wie in anderen Städten auch.


Was sagen Sie zu der Diskussion, Marihuana zu legalisieren?


Vergiss es. Wir haben noch nie so viele Leute gehabt, die Psychosen vom Kiffen haben. Da knallt sich ein 16-Jähriger die Birne weg mit hochdosiertem THC. Die Folge ist Gemüse im Kopf. Wenn ich das erlauben könnte, dann höchstens ab einem Alter von 23.


Seit 2015 gibt es nun wieder einen Kontaktladen in der Wagnerstraße. Wie läuft es da?


Es war mein Ziel, dass es dieses Angebot wieder gibt. Klasse ist auch, dass die Stadt für alles aufkommt. Nur – er ist zu weit weg. Eigentlich könnten ihn täglich bis bis zu 70 Leute nutzen, tatsächlich sind es rund 30.


Nach so vielen Jahren auf der Straße – wie lautet Ihr Fazit?


Man kann froh sein, dass sich eine Gesellschaft Streetworker leistet. Man braucht Zeit und Offenheit, damit diese Menschen einem ihre Lebenswelt eröffnen. Viele Bindungen sind schmerzhaft. Weil etwa jemand an einer Überdosis stirbt. Da bleibt ein schwarzer Fleck im Herzen.


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