Finningen... eine kleine Einführung..

05. Januar 2019

Lesen SIE bitte die NUZ

Der wundersame Ritt auf dem Löwen
Serie (15) Auf dem Gebiet des heutigen Finningen leben schon seit vielen 100 Jahren Menschen. Die Pfarrkirche ist dem heiligen Mammas geweiht, um den sich eine kuriose Legende rankt

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 Jahre alt wird, tut in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Finningen.

von Gerrit-R. Ranft

Neu-Ulm Der Stadtteil Finningen liegt gut 5000 Meter östlich des Neu-Ulmer Rathauses. Der von der Landwirtschaft geprägte Ort zählte am 30. Juni vergangenen Jahres 1207 Einwohner, womit er den achten Platz unter den vierzehn Stadtteilen Neu-Ulms belegt. Seine Grundfläche beläuft sich auf sieben Quadratkilometer, die den Ort an die fünfte Stelle rücken. Finningens belegbare Geschichte beginnt mit den Römern, die im ersten nachchristlichen Jahrhundert einen Wachturm auf die Anhöhe bauten, die heute die Kirche St. Mammas trägt.

Die Landschaft um den Kirchberg war seit je beliebtes Siedlungsgebiet. Einzelfunde der Kreisarchäologie bezeugen dort menschliche Aufenthalte schon in der Jungsteinzeit vor gut 4500 Jahren, ebenso zur Bronze- und Hallstattzeit. Selbstverständlich konnten die Römer auf den auffälligen Hügel nicht verzichten. Sie bauten ums Jahr 170 nach Christus einen Wachturm auf die Höhe, der ihre Donausüdstraße zwischen den Kastellen in Günzburg und beim heutigen Unterkirchberg sicherte. Bis heute ist diese „Römerstraße“ streckenweise erhalten, heißt allerdings auf Finningens Gemarkung „Eulesweg“.

Über die Herkunft des Namens wird seit Jahrzehnten gerätselt. Auch Peter Löffelad findet in seinem Flurnamenverzeichnis von 1995 keine letztgültige Erklärung, weist zugleich aber manchen abenteuerlichen Deutungsversuch entschieden zurück. Da in den ältesten Belegen auch der Name Yrisweg erscheint, hält Löffelad die Entwicklung über Eirisweg, Eilesweg zu Eulesweg für denkbar. Iris galt den Römern als Göttin des Regenbogens, der dieser Abschnitt der Römerstraße möglicherweise geweiht war. Diese Erklärung nennt Löffelad „als einzige bislang sachlich und sprachlich vertretbar“. Bei Grabungen auf dem Kirchberg wurden im Jahr 1914 die Grundmauern des römischen Burgus entdeckt und teilweise freigelegt. Mit der Renovierung der Kirche St. Mammas 1999 wurden sie auf dem Kirchhof mit Pflastersteinen nachgebildet. Eine Tafel an der Kirchenwand zeigt den Grundriss des einstigen Wachturms, der heute zum Teil von der Kirche überdeckt ist.

„Unsere Kirche beherbergt keine großen Kunstwerke“, stellt der achtseitige Führer durch Finningens Pfarrkirche bescheiden fest. Aber sie überragt mit ihrem Zwiebelturm weithin sichtbar den „Ulmer Winkel“ östlich Neu-Ulms. Geweiht ist sie dem heiligen Mammas, ein Heiliger, der im weiten Umland kein zweites Mal auftritt. Vermutlich wurde er vom Bodenseekloster Reichenau übernommen, das schon früh über viel Grundbesitz im Ulmer Raum verfügte. Es verehrte Mammas als seinen Patron, der wohl im späten dritten Jahrhundert unter dem römischen Kaiser Aurelian den Märtyrertod erlitt.

Dazu berichtet die Legende von einem wundersamen Löwenritt des Heiligen. Mammas lebte als Einsiedler und weigerte sich, Steuern zu zahlen. Als daraufhin der Steuereintreiber bei ihm erschien, wurde er Zeuge eines sonderbaren Abenteuers: Aus dem Gebüsch kam auf einmal ein Löwe gesprungen und wollte ein Lamm anfallen. Mammas griff spontan ein, schnappte das Lämmchen, sprang dem Löwen auf den Rücken und ritt auf ihm davon. Der verwunderte Steuereinnehmer verzichtete auf sein Geld und erließ dem Einsiedler die Steuer – und zwar auf Lebenszeit. So gilt Mammas heute als Patron des Viehs, der Bauernhöfe – und der Steuerzahler, manche meinen eher der Steuerhinterzieher.

Das Innere der Kirche weist einen Hochaltar von 1725 auf, für den Pfarrer Anton Haupt 1767 das Bild des Kirchenpatrons Mammas gestiftet hat, dazu zwei Seitenaltäre. Die Bistumsheiligen Ulrich und Afra sind mit zwei Holzfiguren aus der Zeit um 1720 vertreten. Eine nach dem Urteil von Kunsthistorikern gute Arbeit zeigt ein Relief des heiligen Magnus aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert. Eine erste Kirche dürfte in Finningen im neunten Jahrhundert an der Stelle des Wachturms als Holzbau errichtet worden sein. Die Kreisarchäologie hat ermittelt, dass dieses Kirchlein im zwölften Jahrhundert abgebrannt ist. Es wurde in gotischem Stil wiederaufgebaut. Reste eines Kreuzgewölbes sind im Turm erhalten. Nach dem Geschmack des Barock wurde die Kirche im achtzehnten Jahrhundert umgebaut.

Das öffentliche Leben in Finningen bestimmen neben den Vereinen und der Pfarrgemeinde wesentlich die alteingesessenen Gasthöfe Hirsch und Kreuz. Die Freiwillige Feuerwehr wurde schon 1876 gegründet und mit der Eingemeindung des Orts am 1. Juli 1975 in die Feuerwehr Neu-Ulm übernommen. Der Rad- und Sportverein Germania Finningen 1912 gliedert sich in sieben Abteilungen mit Radsport, Turnen, Tennis, Kegeln, Wandern, Laufen und Fußball mit den Freizeitkickern „The Outsiders“.

Das im Vorjahr vom Kirchendach aufs Pfarrheim umgesetzte Storchennest blieb auch 2018 unbewohnt.

Ein Blick auf Finningen mit seinem historischen Ortskern und der Kirche St. Mammas. Die Landschaft um den Kirchberg war seit je her ein beliebtes Siedlungsgebiet. Fotos: Gerrit-R. Ranft

Der Blick zum Chor in der katholischen Pfarrkirche. Sie wurde dem heiligen Mammas geweiht – einem Heiligen, der im weiten Umland kein zweites Mal auftritt.

Der heilige Mammas in der Finninger Pfarrkirche mit dem Löwen.

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