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Digital - Politik - ist Deutschland schon abgehängt ?

23. Oktober 2018

Lesen Sie bitte diesen Artikel in der SWP..

Die vierte Seite

„Europa ist unsere letzte Hoffnung“

Gesche Joost Im Silicon Valley wächst das Internet der Konzerne, in China entsteht eine Datendiktatur. Wir müssen dem ein werteorientiertes Netz entgegensetzen, sagt Deutschlands bekannteste Digitalexpertin. Von Thomas Block und Igor Steinle


Wenn ihr ein Thema komplizierter erscheint, fängt Gesche Joost gerne an zu zeichnen. Die Rolle als Internet-Erklärerin liegt der Designforscherin, sie hat sie lange auch in der Politik ausgeübt – als netzpolitische Beraterin von Peer Steinbrück, als Internetbotschafterin für Deutschland. Die deutsche Digitalwirtschaft skizziert sie mit ganz vielen kleinen Punkten. Hierzulande sei man schon zufrieden, wenn ein kleines Start-up eine handvoll Mitarbeiter ernähren kann. Dann setzt sie drei große Kreise daneben. Das ist die Digitalwirtschaft im Silicon Valley, wo eine vielversprechende Idee schnell mit unvorstellbaren Summen an Investorengeld aufgeblasen werde. Am Ende unseres Gesprächs im Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin, umgeben von Nähmaschinen und Sensoren, sind drei Blatt Papier mit Kreisen, Quadraten, Pfeilen und Linien vollgekritzelt.


Frau Joost, droht Deutschland trotz Digital-Staatsministerin digital abgehängt zu werden?


Vor ein paar Monaten hätte ich gesagt: Das wird schon. Vor kurzem war ich allerdings in China unterwegs und muss leider sagen: Wir sind in vielen Bereichen bereits abgehängt.


Inwiefern?


In Peking und Schanghai sieht man in der Praxis, wie Künstliche Intelligenz im Alltag eingesetzt wird, etwa bei der Gesichtserkennung oder bei digitalen Bezahlverfahren. Bittererweise in einem totalitären System, in dem Bürgerrechte und Privatsphäre nicht gelten. Unsere Forschung in Deutschland ist in diesem Bereich sehr gut aufgestellt, aber der Transfer in erfolgreiche Unternehmensgründungen ist schleppend und unsere politischen Weichenstellungen sind zu langsam. Wenn heute die Bundesregierung sagt, wir wollen die Führerschaft im Bereich der Künstlichen Intelligenz verteidigen, ist das eine Fehleinschätzung! Die deutsche Förderstrategie in diesem Bereich kann kaum international konkurrieren, viele Experten wandern ins Ausland ab und finden dort bessere Bedingungen vor.


Was sieht man in China denn im Alltag?


In China bezahlt man nicht nur mit dem Smartphone, was bei uns ja gerade erst langsam beginnt, sondern mit dem Gesicht. In einigen Supermärkten werden erst die Produkte und dann am Ausgang das Gesicht gescannt – das ist dann der komplette Bezahlvorgang über die großen Plattformen von WeChat und Alibaba. Dort werden solche Technologien so schnell implementiert, dass traditionelle Banken an den Rand gedrängt werden und für den Zahlungsverkehr kaum mehr eine Rolle spielen. Das sind radikale Umstrukturierungen, die ganze Branchen einfach wegspülen werden.


Aber wenn man sich anschaut, wie das Internet in China zu Überwachungszwecken missbraucht wird, können wir doch eigentlich ganz froh sein, dass in Deutschland länger abgewogen wird.


Ich würde auch nie sagen, dass wir alles, was in China passiert, auch selbst unreflektiert umsetzen sollten. Aber wir müssen doch Alternativen erarbeiten. Mir fehlt die Diskussion darüber, wie wir eine zukunftsorientierte Digitalisierung nach europäischem Wertesystem vorantreiben können, nachhaltig, sozial und transparent. Wie wir die Privatsphäre der Nutzer aber auch die Offenheit des Internets schützen können. Und wie wir unseren Ansatz stark und konstruktiv vertreten können. Leider trifft man in Deutschland beim Thema Digitalisierung häufig auf eine konservative, ja häufig ängstliche und ablehnende Haltung, etwa beim Thema digitale Bildung. Das schwächt unsere Zukunftsfähigkeit und verhindert Alternativen.


Wie erklären Sie sich die Zurückhaltung der deutschen Wirtschaft?


Ich komme selbst aus einem Familienbetrieb, meine Eltern hatten eine Druckerei. Wenn alles von Hand aufgebaut wurde wie im Mittelstand, ist man vorsichtig mit Investitionen. Diesen Hunger auf Innovationen, den es in China und im Silicon Valley gibt, den sehe ich hier nicht. Im Gegenteil, in der deutschen Wohlstandsgesellschaft ist man häufig zufrieden mit dem, was ist, denn die Wirtschaft brummt. Dabei übersieht man leider auch die Gefahren, die sich aus den großen Umbrüchen, die die Digitalisierung mit sich bringt, für uns ergeben. Unsere großen Unternehmen sind hier sicherlich besser aufgestellt als der Mittelstand, sie kooperieren international und sind sich der Chancen und Risiken bewusst, weil sie täglich damit konfrontiert werden.


Kommen die Experten vielleicht mit der kommenden Politikergeneration?


Ich hoffe es. Bitter ist jedoch, dass in der jungen, digital affinen Generation kaum jemand in die Politik gehen möchte. Und das kann ich verstehen.


Sie waren doch selbst lange politisch aktiv. Hatten Sie etwa keinen Spaß dabei?


Ich bin politisch aktiv geworden, weil ich es ablehne, vom Sofa aus die Politik zu kritisieren, ohne selbst zu versuchen, etwas zu bewegen. Das politische Engagement der jungen Generation hat sich strukturell verändert, und diese Ideen wollte ich einbringen. In den Hierarchien und parteipolitischen Strukturen ist das jedoch schwer.


Was hat Ihnen denn gefehlt?


Vieles. Parteien sind langsam gewachsen und haben ihre eigenen Regeln. Ich diskutiere darüber auch mit meinen Studierenden. Viele sind politisch, aber niemand ist parteipolitisch. Sie engagieren sich aktivistischer, vernetzen sich und diskutieren über einzelne Themen online in ihrer Community. Keiner käme auf die Idee, auf einen Parteiabend zu gehen.


Bereuen Sie Ihren Ausflug in die Politik?


Nein, ich fand es sehr wichtig zu verstehen, wie politische Strukturen funktionieren.


Kommen wir zurück zum Internet: Spaltet das die Gesellschaft in Menschen, denen es nicht schnell genug gehen kann mit der Digitalisierung, und Menschen, denen alles viel zu schnell geht?


Ja, und diese digitale Spaltung ist ein wichtiges Thema, sie vertieft sich zunehmend. Trotzdem werden nur kleine Schritte in Richtung digitaler Bildung gemacht, durch die die Spaltung überwunden werden kann. Das können wir uns nicht leisten. Wenn ich lese, dass Kinder lieber auf Bäume klettern sollen und dass Gehirnzellen sterben, wenn man mit dem Handy arbeitet, kann ich nur den Kopf schütteln. Damit werden Vorurteile zementiert und ein reflektierter und gestaltender Umgang mit digitalen Technologien verhindert.


Können Sie nicht verstehen, dass die Menschen Angst haben?


Nein! Wirklich nicht! Wir haben diese Diskussion über die Medien seit Platon! Bei der Erfindung der Schriftsprache, dann bei der Erfindung des Buchdrucks, des Rundfunks, des Fernsehens. Was setzen wir denn bei unseren Kindern aufs Spiel, wenn wir ihnen nicht beibringen, das Internet kritisch zu reflektieren und selbst aktiv zu gestalten? Die meisten sind ohnehin online, aber unbegleitet.


Die Vorstellung, dass Sie in ferner Zukunft in einem Altenheim von einem Pflegeroboter betreut werden, macht Ihnen keine Angst?


Überhaupt nicht! Vielmehr würde mich die Vorstellung beunruhigen, dass mich eine Pflegekraft jeden Tag aus dem Bett heben muss. Pflegeroboter, die Lasten tragen, sind ein sinnvolles Hilfsmittel. Dadurch werden Kapazitäten frei – die Pfleger haben mehr Zeit, soziale und gesellschaftliche Aspekte rücken wieder mehr in den Vordergrund, das sollte das Ziel sein. Wir dürfen diese Entwicklungen nicht als Bedrohung begreifen, sie sind eine Chance.


Und auch der Umgang mit dem Internet in China bereitet Ihnen keine schlaflosen Nächte?


Doch, das ist eine Tech-Diktatur mit einer immensen Durchschlagskraft. In Europa sehe ich die Gefahr zum Glück nicht, auch wenn die Nutzung unserer Daten durch die großen Plattformen kritisch zu sehen ist und hier Handlungsbedarf besteht. Europa hat die Chance, ein ganz anderes Modell einer vernetzten Gesellschaft zu propagieren und juristisch durchzusetzen. Wir hatten in den 90er Jahren, als das Internet groß wurde, diesen Traum vom Internet: Vom grenzenlosen Zugang zu Wissen, von einem Ort, an dem man sich neu erfinden kann, an dem Basisdemokratie greifbar wird. Vieles davon ist verlorengegangen. Doch die Überbleibsel sind es wert, gerettet zu werden. Und dafür sollte Europa stehen.


Sind Sie optimistisch, dass Europa diese Rolle einnehmen wird?


Europa ist unsere letzte Hoffnung. Demokratisch verfasst, offen, transparent, divers – dafür steht für mich Europa und nicht China oder das Silicon Valley. Die einen stehen für eine totalitäre Datenkontrolle, die anderen für reine Effizienz und Gewinnmaximierung. Das entspricht nicht meiner Vision einer vernetzten Gesellschaft, die lebenswert ist.


Der Traum der 90er Jahre ist ausgeträumt?


Viele Entwicklungen waren nicht Teil unseres Traums: Die Hassreden, die Filterblasen, die Radikalisierung im Netz. Es gibt aber auch alternative Bewegungen, die mir Hoffnung machen. Plattformen, die anders funktionieren als Amazon, bei denen alle Anbieter gleichberechtigt in einer Kooperative beteiligt sind, oder die Open Source Community, die ihr Wissen teilt und Technologien kollektiv entwickelt.


Wie groß ist dieses Problem der Filterblasen und der Hassrede?


Das ist ein sehr großes Problem. Das Internet macht die Spaltung der Gesellschaft nicht nur sichtbar, sie verstärkt sie auch noch. Stimmen, die früher vielleicht mal am Stammtisch geäußert wurden, bekommen im Internet plötzlich ein starkes Gewicht. Und zwar ohne das soziale Korrektiv, ohne den Nachbarn am Stammtisch, der sagt: Erzähl nicht so einen Unsinn! Wenn man allein am Rechner sitzt und nur sieht, dass man immer mehr Likes bekommt, je krasser man formulieret, entsteht eine extreme Schieflage.


Wie kann man dem entgegenwirken?


Wir müssen uns mehr einmischen. Oft sind es ja nur wenige, die gezielt die Radikalisierung steuern. Wir diskutieren diese Themen zum Beispiel auch in der Synode der EKD, der Evangelischen Kirche Deutschlands. Auch die Kirche muss sich in den digitalen Diskurs einbringen. Pastoren, Seelsorger und kirchlich Engagierte können Gegenrede halten. Und gerade Frauen brauchen im Netz Unterstützung gegen sexistische Anfeindungen – und hier kann jeder von uns aktiv werden. Es kommt auch auf die Vielfalt der Stimmen an.


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